Zwei in Cluny

(c) Andreas Erber Neben mir am Tisch ein deutsches Paar. Sie Psychologin, er irgendwo beim Fernsehen, ein Redakteur wohl bei RTL. Sie lästern ein bisschen lüsternd über Passanten, über die Kleidung der Vorbeikommenden, auch über deren Figürlichkeiten, und es schwingt ein wenig erotische Spannung dabei mit – so als ob sie sich durch das Aufmerksammachen auf kurze Röckchen und lange Beine schon Appetit auf später machen wollen. Dabei ist ihre sonstige Unterhaltung eher noch die eines Sichkennenlernens, eines Sich-Erzählens, eines neugierigen Voneinanderpreisgebens, durchaus lebhaft zwar, aber ohne die Pausen des Vertrauten, ohne das Sichgehenlassen in Wortwahl und Thema, ohne Koseworte noch und ohne Bezüge auf gemeinsam Erlebtes.

Von außen gehört, wirken sie wie Kollegen eher oder Teilnehmer einer Reisegruppe, die sich zufällig sympathisch finden. Sie sagt: „Ich gehe jetzt noch in’s Bad“ und meint artig die Toiletten. Und er bestellt für beide in französischer Sprache. Ihr gemeinsames Thema phasenweise: Die Verrücktheiten anderer. Der überzogene Spiritualismus, der Wiederkehrglaube (welcher merkwürdigerweise immer nur in Hexen aus dem Mittelalter wurzelt, niemals einmal ‚normale‘ Menschen aus früheren Tagen sich erdenkt), das extremistische Pseudowissen um Erleuchtete, die jeweils durchaus intelligente Kreise von glühenden Anhängern um sich scharren. Sie reden von Modeerscheinungen und Massenphänomenen in diesem Zusammenhang; sie schaut eher durch ihre Psychiaterbrille, er durch die journalistische. Einmal, so berichtet sie, gab es einen total Irren (das ihre Worte) in ihrem Haus, der auch so einen Blick hatte: Den eines Verrückten (auch das ihre Worte), eines Schizophrenen genauer gesagt, der hätte mit seinen Ängsten das ganze Haus angesteckt. Es wäre die erste Massenpsychose, die sie selbst erlebt hätte. Und er gibt die irgendwie lebensfernen Verhaltensweisen seiner Exfreundin zum Besten, die mit verwahrlosten Menschen in einer WG gehaust hätte, deren Verwahrlosung jedoch zur Exzentrizität, mithin also zum Gurustatus gehört hätte.

Und so berichten sie einander von ihren Lebenswelten, und nehmen sich später – nach dem Bezahlen und Aufstehen – in den Arm, um sich zu küssen in aller Intimität und in allem Verlagen, das noch im Anfang steckt.