Einst in Burgund

(c) Andreas Erber Ratilly aus dem 13. Jahrhundert: wunderschön. Allein die Lage in einer Sommerlandschaft, durch die der Wind fährt und überall Esskastanien aufschlagend platzen und schließlich auch Eicheln auf meinem Autodach trommeln lässt, ist herzergreifend. Ich beschließe beim ersten Blick, zu bleiben. Umschleiche das Schloss und seinen ehemaligen Wassergraben, die Türme, Erker, Mauern, zunächst genießerisch und voller Vorfreude, trete dann ein, läute wie höflich auf einem gemalten Schild geheißen, lasse mir von einer jungen Frau die Gebäude erklären, durchstreife sie, sehe Töpferwaren und Kunst, sehe Ruhe und Beschaulichkeit, sehe Eidechsen die Wände hochfliehen, sehe einen blauen Himmel über dem Geviert, sehe die Schönheit, die so erfüllend wirkt, wie es sonst nur noch attraktive Frauen in mir auszulösen vermögen.

Später dann liege ich in einem zum Schloss gehörigen Obstgarten, lese in Lion Feuchtwangers Narrenweisheit, schlummere in der Hitze und unter den Meisenkrakelereien ein, bin zugedeckt von Wärme und Frieden und den Schatten der Apfelbäume, durch die ab und wann eine Hornisse schwer und tief brummt, höre ein Eichhörnchen die Tonpfannen auf der Umfassungsmauer entlang trippeln, höre den Wind, die in der Ferne platzenden Kastanien, höre meinen Atem, höre meine Zufriedenheit. Auf dem Rückweg mache ich einen Abstecher nach Fontenoy. Hier in einer hügeligen Landschaft gab es im Jahr 841 eine Schlacht, die aus dem Frankenreich das spätere Deutschland und das spätere Frankreich und Burgunderreich machte. Eine Steinsäule mahnt an den Ort, an dem wohl 40.000 Menschen verreckten und eine kindliches Stahltafel macht daraus einen Ritterroman mit Pferden und Spannung und einer einzigen Verleugnung der Metzeleien. Auch so wird Geschichte geschrieben – zukünftige Geschichte, denn jedes Verharmlosen von Krieg ist ein Heranführen an Krieg.

Irgendwo zwischen den Hügeln einmal mehr ein Herrenhaus, die Fensterläden geschlossen, die Hecken verwildert. Ein alter Don Jon wacht mittelalterlich unpassend im Park und ein leerer Holzbriefkasten ohne Namensschild zeugt von Noblesse oder Aufgegebenheit. Ich finde wie immer einen Durchschlupf, stromere kurz nur über das Anwesen, trinke Milch dabei, esse überaltertes Supermarkt-Eis, denke an die Nachbarn, die einen Teil der Domäne als vermüllten Landwirtschaftsbetrieb zu führen scheinen, denke an einen Lottogewinn, der sich hier investieren ließe, denke noch einmal an die Nachbarn, verwerfe es.